10 July, 2007

Make Love not War

gekürzte Version erschienen in der taz vom 10.7.2007

Vermeintliches Sexfilmchen wird zum Schlager der neuen EU-Plattform auf dem Videoportal YouTube

Besser hätte es für die Macher nicht kommen können: Mit einem Skandälchen verschaffte sich der neue YouTube-Kanal der Europäischen Union unerwartete Popularität. Ein paar EU-Mitarbeiter hatten sich getraut, den Schlipsknoten mal ein bisschen zu lockern. Sie schnitten für eine Werbekampagne für das EU-Filmförderprogramm MEDIA Szenen aus preisgekrönten europäischen Filmen zusammen, zu emotionalen Themen wie Liebe, Trauer und Freundschaft – und, mehr als Geck, zum Thema Sex.

Im Clip, der bei YouTube unter „Film Lovers Will Love this“ läuft, werden in 44 Sekunden 18 Liebesszenen gezeigt. Hektisch werden da Sachen vom Leibe gerissen, es wird ein wenig gestöhnt und das Geschirr wackelt im Takt der Körper. Alles mit viel Witz und ohne dass ein Fitzelchen Fleisch von der „falschen“ Stelle zu sehen ist. Das Ganze störte lange Zeit auch niemanden. Die Werbefilme waren bereits im Februar auf der Berlinale gezeigt worden und seitdem auch auf den entsprechenden EU-Seiten zu sehen. Mitte Juni wurden sie – noch immer unter Ausschluss der breiteren Öffentlichkeit – auf YouTube gestellt.

Erst als am 29. Juni der EU-YouTube-Kanal offiziell eröffnet wurde, entdeckten britische Blätter den Stein des Anstoßes unter den knapp 50 präsentierten Videos – weltweite Medienaufmerksamkeit von Europa über die USA bis Indien folgte. Zumeist handelte es sich um sachliche, leicht amüsierte Berichterstattung und es gab Zustimmung. Von konservativer Seite wurde jedoch auch ernsthafte Sorge - bis Verdammnis des Spots als „Pornografie“ - geäußert. Im harmlosen Fall wurde der Untergang der europäischen Kultur befürchtet, weil das Filmchen zu locker und oberflächlich daherkommt - die ganz Harten sahen eine "sozialistische Diktatur" im Anzug, inklusive moralischem Verfall.
Übel stoßen die leider fast schon zu erwartenden Beschwerden aus Polen über das homosexuelle Paar auf, das sich ganze zwei Sekunden vor ihren gekränkten Augen wälzt. Da mag man nur noch sagen: Ja dann geht doch wieder raus. Aber andererseits möchte man die schwulen und lesbischen Polen mit solchen Leuten auch nicht allein lassen.

Wenn Godfrey Bloom, Mitglied des Europäischen Parlaments von der europakritischen britischen Independence Partei meint, das Video sei so peinlich „wie einem älteren Verwandten zuzuschauen, der versucht cool zu sein,“ mag man allerdings fast lächeln. Das biederen blau-gelben Design des EU-YouTube-Portals erscheint in der Tat wie das Äquivalent zum grauen Beamtenanzug - und auch der Lehrfilmcharakter der meisten Videos zu EU-relevanten Themen von Immigration bis Veränderungen auf dem Zuckermarkt wird kaum junge Zuschauer hinter dem Ofen hervorlocken.

Die reflexartige Aufschrei, dass für so etwas Albernes respektive Geschmackloses oder - Oh mein Gott – Unanständiges ja wieder Steuergelder verschwendet würden geht allerdings völlig in die Leere. Eher hat hier die EU mal ein Lehrstück für billige, effektive Werbung vorgeführt: Die Filme – aus vorhandenem Material geschnitten – kosteten je 350 Euro, YouTube bietet wie für Privatnutzer seine Dienste umsonst an. Innerhalb einer Woche kam der „Sex“-Clip von wenigen Tausend auf bis jetzt über 3 Millionen Hits. Ein traurigeres Schicksal hat da das einsame Video auf dem YouTube-Kanal der britischen Regierung, das seit Februar noch keine 300 Zuschauer gefunden hat. Noch ein Argument für den Werbespruch des EU-Werbeclips: "Kommt zusammen".



EUtube Hauptseite (englisch)
Deutsche Seite von EUtube (noch ohne das Video, das es allerdings mit deutschem Abspann gibt
Seite des MEDIA-Programms, wo es auch die vier Werbefilme zu sehen gibt

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