09 July, 2007

Das Ende der Bohème


Foto: Wikipedia/Gyrofrog

Text: Barbara Mürdter

Eigentlich war nur eine Frage der Zeit in Anbetracht der städtebaulichen Entwicklung in Manhatten: Nach der Schließung des CBGB aufgrund massiver Mieterhöhungen im Oktober 2006 geht es jetzt auch dem Chelsea Hotel an den Kragen. Am 18. Juni ist der heute 73jährige Stanley Bard aus dem Management gedrängt worden. 1955 hatte er das Hotel übernommen, das sein Vater - mit zwei Teilhabern - in den 40er Jahren gekauft hatte. Er führte es als Familienbetrieb, den sein Sohn David weiterführen sollte. Die Erben der Miteigentümer setzten durch, dass für ihn nun die Managementgesellschaft DB Hotels eingesetzt wird, die schon einige Hotels in Manhatten auf den neuesten Stand gebracht haben - allerdings dem Zeitgeist entsprechend, der wenig mit dem zu tun hat, was das legendären Hotel repräsentiert.

Das hatte über Jahrezehnte berühmte Schriftsteller, Musiker und Künstler beherrbergt, oft als Dauerresidenten, bei denen der Chef auch mal ein Auge zudrückte, wenn die Miete nicht pünktlich kam - wobei es allerdings eine Legende sein soll, dass er einige auch umsonst wohnen ließ. Hier enstanden zentrale Werke der US-amerikanischen Kultur - und das Hotel war Ort diverser persönlicher Dramen wie dem (nie geklärten) Mord von Nancy Spungen durch Sid Vicious. Dylan Thomas trank sich hier zu Tode, Arthur Miller schrieb im Zimmer 711 sein Erfolgsstück A View from the Bridge zur Operette um, Arthur C. Clark verfasste im Chelsea Hotel das Jahrhundertwerk "2001 - Odyssee im Weltall". Leonard Cohen verbrachte hier eine Nacht mit Janis Joplin - und verewigte das Erlebnis in seinem Song "Chelsea Hotel", Andy Warhol filmte hier eine "Superstars", im Film "Chelsea Walls" von 2001 mit Ethan Hawke (und der Musik von Wilco) war die Legende des Hotels und der darin lebenden Künstler selbst Thema.

Foto: Wikipedia/Calton


Das Haus selbst - 1883 als Appartmentblock erbaut - ist Anno 2007 wohl ziemlich abgerockt - das Ambiente ist schmuddelig, Stromkreisläufe halten der neumodischen Doppelbelastung von Computer und Haartrockner nicht mehr Stand und überhaupt ist das Hotel im den letzten 30 Jahren völlig neu renovierten Manhatten ein Anachronismus. Es ist ein letztes Überbleibsel der Bohème-Kultur, welche die Stadt im 20. Jahrhundert zum kreativen Nabel der Welt, zum Sehnsuchtsort vieler Künstler und Kulturinteressierter werden ließ, die das Lebensgefühl ausmachte, was man mit New York verbindet. Diese Kultur war durch die Sanierung Manhattens und die dadurch ins Maßlose gestiegenen Immobilienpreise auf der Halbinsel in den letzten Jahren immer mehr verdrängt worden und ist heute kaum noch existent, da sich kaum ein Künstler - außer er heißt David Bowie - die exorbitanten Mieten bzw. Kaufpreise hier leisten kann. Dafür sind die Immobilien hier so attraktiv für Spekulanten, dass ihnen jedes Mittel Recht ist, unliebige und nicht entsprechend zahlungsfähige Mieter bzw. Altbesitzer wegzugraulen.

Jetzt bestehen nicht ganz unberechtigte Befürchtungen, dass das Hotel der bereits stark aufgeschickten Umgebung angepasst werden soll. Die neuen Manager haben bereits eine Renovierung angekündigt - allerdings wollen sie angeblich den alten Charakter des Hotels aufrecht erhalten und es sogar wieder zum Ruhm seiner alten Tage zurückführen. Allerdings nach der zu erwartenden Mietanpassung ohne die Mehrheit seine Dauerbewohner, die immerhin 2/3 der Gäste ausmachen - viele von ihnen können schon jetzt die für die Gegend unschlagbar billige Miete von unter 1000 Dollar im Monat kaum aufbringen. Zudem beobachtete ein Reporter des Independent, dass die neuen Manager bei der Zimmerbesichtigung kaum verbergen konnten, wie angewidert sie vom Zustand des Hotels waren. Hotelbewohner, die ebenfalls bezweifeln, dass die neuen Manager Sinn für die Geschichte des Ortes und den Willen, diese zu respektieren haben, führen seit einiger Zeit einen Blog. Hier sammeln sie kritische Infos und Links zu Artikeln über das Hotel.

Ein wunderbar beobachtes, wissendes und unter all seiner Sachlichkeit zutiefst leidenschaftliches Buch über die kulturelle, wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung New Yorks in den 1980er bis in die frühen 2000er Jahre, in deren Kontext auch die Subkulturen der letzten Jahrezehnte und deren Veränderungen zu sehen sind, hat der Journalist Andrian Kreye verfasst: "Broadway Ecke Chanal" (2004, Droemer/Knaur, ISBN: 3426777517).

Foto: Wikipedia/Daniel Schwen


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